Konfessionelle Netzwerke der Deutschen in Russland 1922–1941

Quellen-Datenbank

Seite 
 von 100
Dokument Nr. 17

1. Die russlanddeutschen Geistlichen in der internationalen Diplomatie

Politisches Archiv des Auswärtigen Amts (PA AA),
Botschaft Moskau 373

Datum: 26. Januar 1935
Verfasser: von Twardowski, Deutsche Botschaft in Moskau
Empfänger: Auswärtiges Amt
Inhalt: Die Deutsche Botschaft in Moskau empfiehlt eine öffentliche Kampagne in den skandinavischen Ländern und in Großbritannien, um auf die Verfolgungen der evangelischen Kirche in der UdSSR aufmerksam zu machen.

Deutsche Botschaft Moskau, den 26. Januar 1935
 
An das Auswärtige Amt Berlin
 
Inhalt: Verhaftungen evangelischer Pastoren in der UdSSR
 
Die Verhaftungen evangelischer Pastoren in der UdSSR haben in den letzten Wochen einen Umfang angenommen, der die größten Besorgnisse für das weitere Schicksal der evangelischen Kirche auslösen muß. So sind der Botschaft seit dem 27. Dezember 1934 nicht weniger als zehn neue Verhaftungen bekannt geworden, so daß die Zahl der evangelischen Pastoren, die der Möglichkeit beraubt sind, ihren geistlichen Beruf nachzugehen, sich gegenwärtig auf 40 beläuft. Bis auf 4 Pastoren, die ohne amtieren zu dürfen in verschiedenen Städten der UdSSR ihr Dasein fristen, sind die übrigen entweder gefangen oder in entfernte unwirtliche Gegenden verschickt. Dementsprechend wird die Zahl der Pastoren, die noch ihrem Beruf nachgehen, mit jeder Woche geringer und beläuft sich gegenwärtig auf etwa 27, die sich auf das gewaltige Gebiet der UdSSR verteilen. Die Sachlage erscheint mir für das weitere Bestehen der evangelischen Kirche so bedrohlich, daß m.E. [meines Erachtens] über die fortdauernden Verhaftungen nicht mehr mit Stillschweigen hinweggegangen werden darf. Nachdem alle Bemühungen der Botschaft, auf die hiesigen Behörden im Sinne einer Mäßigung ihres Vorgehens gegen die evangelischen Geistlichen vergeblich gewesen sind, dürfte es an der Zeit sein, auf andere Mittel und Wege zu sinnen, mit denen der Kirche und ihren Dienern vielleicht doch noch geholfen werden könnte. Als ein solches Mittel erscheint mir die Flucht in die Öffentlichkeit. Während der Außenkommissar der UdSSR Litwinow bei seinen Auftritten in Amerika und Genf versucht, die Welt glauben zu machen, daß in der UdSSR Glaubensfreiheit herrsche, werden hier die Reste des kirchlichen Lebens systematisch zerstört. Es dürfte daher der Sowjetregierung nicht gleichgültig sein, wenn dieser Widerspruch unter Zugrundelegung von Tatsachen der übrigen Welt, insbesondere der skandinavischen und angelsächsischen Öffentlichkeit, vor Augen geführt würde. Ich darf daher anheimstellen, die Frage in Erwägung ziehen zu wollen, ob entsprechende Maßnahmen möglich und zweckmäßig erscheinen. Bejahendenfalls dürfte es sich jedoch empfehlen, unter allen Umständen den Eindruck zu vermeiden, daß Deutschland den Ausgangspunkt eines solchen Propagandafeldzuges bildet. Da von den Maßnahmen der Sowjetunion in erster Linie deutschstämmige Geistliche betroffen sind, wird sie sich gegebenenfalls nicht scheuen, die Frage auf ein politisches Gebiet zu schieben und zu behaupten, daß sie die Geistlichen wegen nationalsozialistischer Betätigung habe zu Rechenschaft ziehen müssen.
 
v. Twardowski.

Empfohlene Zitierweise:
Dokument Nr. 17, in: Konfessionelle Netzwerke der Deutschen in Russland 1922-1941. Quellen-Datenbank. Hrsg. von Katrin Boeckh und Emília Hrabovec. URL: http://www.konnetz.ios-regensburg.de/dokumenteview.php?ID=17, abgerufen am: 23.10.2017.
Seite 
 von 100
Druckerfreundliche Anzeige: Druckerfreundlich
 

PDF: PDF