Konfessionelle Netzwerke der Deutschen in Russland 1922–1941

Quellen-Datenbank

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Dokument Nr. 10

1. Die russlanddeutschen Geistlichen in der internationalen Diplomatie

Segreteria di Stato, Sezione per i Rapporti con gli Stati, Archivio Storico (S.RR.SS.),
Congregazione degli Affari Ecclesiastici Straordinari (AA.EE.SS.),
Russia (1922-1937),
Pos. 664 I P.O.,
Fasc. 62,
Fol. 35r-37r

Datum: 15. April 1931
Verfasser: von Dirksen, Deutsche Botschaft in Moskau
Empfänger: Auswärtiges Amt
Inhalt: Der deutsche Botschafter in Moskau berichtet dem Auswärtigen Amt über das Interesse Litvinovs an den in der UdSSR verhafteten Geistlichen. Die Deutsche Botschaft nimmt über den katholischen Legationssekretär Pfeiffer Kontakt zu Bischof Neveu in Moskau auf.

Auswärtiges Amt
Abschrift.
Der deutsche Botschafter.
Moskau, den 15. April 1931
 
Lieber Meyer!
 
Wie ich Ihnen bereits an Ihrem Abreisetag sagte, scheint hinsichtlich der Lage der verhafteten evangelischen und katholischen Geistlichen in der Haltung der Sowjetregierung insofern eine gewisse Änderung eingetreten zu sein, als man sich jetzt zum mindesten über die schweren und nachteiligen politischen Nachwirkungen der Verfolgung der Geistlichen klar zu werden beginnt; von dem Wunsch zu einem Einlenken der Sowjetregierung zu sprechen, scheint es mir noch zu früh zu sein.
Zu diesen Erwägungen geben die Ihnen bereits bekannten Mitteilungen Litwinows Anlaß, ferner sein Wunsch nach einer möglichst vollständigen Liste der verhafteten katholischen und evangelischen Geistlichen (obwohl das Aussenkommissariat von mir dauernd eingehend über die Namen der Geistlichen unterrichtet worden ist); und schliesslich Litwinows Mitteilung, daß dem auch von mir häufig befürworteten Antrage entsprochen werden soll, dem evangelischen Bischof  M a l m g r e n  in Leningrad eine mehrwöchentliche Ausreise nach Deutschland zu gestatten.
Am Tage nach Ihrer Abreise habe ich die auf Grund des hiesigen Materials zusammengestellten Listen Herrn Litwinow überreicht. Hinsichtlich der Liste der katholischen Geistlichen stütze ich mich, nach Vornahme entsprechender Umgruppierungen, auf die von Ihnen übergebene Liste. Litwinow ging die einzelnen Namen eingehend mit mir durch und bat dann noch, in einzelnen Fällen noch genauere Angaben über die Person des betreffenden Geistlichen, insbesondere seine Diözese, zu machen. Es war ganz bezeichnend – insbesondere auch für das Verhältnis des Aussenkommissariats zu den inneren Behörden –, daß er hinzufügte, diese Angaben seien ihm auch aus dem Grunde erwünscht, weil die inneren Behörden bekanntlich jeden Anlass zur Verschleppung benutzten und man ihnen den Vorwand dazu durch möglichst genaues Material nehmen müsse. Daher auch meine, Ihnen durch Herrn von Reichert übermittelte Bitte um weitere Einzelheiten hinsichtlich der verhafteten katholischen Geistlichen. Ich habe hier bei dem französischen katholischen Bischof  N e v e u  durch den Legationssekretär  P f e i f f e r, der katholisch ist und engere Fühlung mit dem Bischof hat, Ermittlungen anstellen lassen und um Einzelheiten gebeten. Aber auch Bischof  N e v e u  verfügte nicht über ein vollständiges Material. Daher wären mir weitere Einzelheiten aus Berlin erwünscht.
Herr Pfeiffer hat auch mit Herrn Bischof Neveu über die Möglichkeit gesprochen, den verhafteten katholischen Geistlichen geldliche Unterstützung zukommen zu lassen. Wie ich Ihnen hier schon sagte, hat die Verteilung solcher Unterstützungen an die Verhafteten evangelischen Geistlichen sich durch die Zentrale, die das evangelische Konsistorium hier bildet, verhältnismäßig einfach bewirken lassen, und das Fehlen dieser Zentrale für die deutschen katholischen Geistlichen wirkt erschwerend. Nach der Meinung des Bischofs Neveu wäre es das Zweckmässigste, diese Gelder über den hiesigen Vertreter des Roten Kreuzes, einen russischen Schweizer, Herrn Wehrlin zu leiten. Dieser soll schon in manchen Fällen zuverlässig und ordentlich gearbeitet haben, obwohl seine Verbindungen zur Sowjetregierung recht enge sind; sonst wäre seine hiesige Tätigkeit nicht zugelassen worden. Die Übermittlung der Gelder würde dann auch ganz offiziell erfolgen, wogegen ja garnichts einzuwenden ist.
So steht die Sache heute. Über ihren Fortgang werde ich Sie auf dem Laufenden halten; ich darf Sie bitten, diese Mitteilungen als  v e r t r a u l i c h  behandeln zu wollen.
 
Mit vielen Grüssen
 
wie stets Ihr
 
Dirksen.

Empfohlene Zitierweise:
Dokument Nr. 10, in: Konfessionelle Netzwerke der Deutschen in Russland 1922-1941. Quellen-Datenbank. Hrsg. von Katrin Boeckh und Emília Hrabovec. URL: http://www.konnetz.ios-regensburg.de/dokumenteview.php?ID=10, abgerufen am: 23.10.2017.
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